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Tyrrin Hexenkater: Band 1. Lektion 20

Die Damenhandtasche

Tyrrin Hexenkater, in der Damenhandtasche, illustriert von Mie Dettmann, geschrieben von Platti Lorenz
Tyrrin Hexenkater: Die Damenhandtasche
Sie hatte mich in ihre Handtasche gesteckt!!!
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie ihren großen Tragebeutel aufgerafft und mich mit den Worten „Wehe du machst da rein!“ in dem Ding verstaut hatte!
Selbstverständlich protestierte ich lautstark, was jedoch ein jähes Ende fand, als mir lose Pergamentzettel, scharfkantige Schreibgeräte samt Zubehör und sogar ganze Bücher heftig um die Ohren flogen. Auf den stark riechenden Klimbim in farbenfrohen Döschen, Päckchen und Tübchen will ich gar nicht näher eingehen. Ein Durcheinander war das hier!
In wildem Auf- und Abgeschüttel transportierte mich Lafenne laut redend – nun ja – irgendwo anders hin. Und das ohne mir zu sagen, was der ganze Zirkus überhaupt sollte!
Und da dämmerte es mir.
Old Lady hatte es mir oft in ihren Geschichten erzählt. Nur ging es darin zumeist um hübsche, junge Prinzessinnen und so richtig fiese Räuber, Schwarzritter, Barbaren oder andere Bösewichte ...
„Ich werde entführt!“, rief ich aus den Tiefen dieser Damenhandtasche. „Jawohl! Entführt werde ich!“
Das Geschüttel hörte auf und ein großes Licht erfasste mich von oben. Dort sah mir das Gesicht von Lafenne entgegen.
„Sei ruhig, wir suchen jetzt nach Karel“, flüsterte sie scharf. „Also verhalte dich leise und unauffällig.“
„Ich bin in einer Tasche“, merkte ich kleinlaut an.
„Ich weiß“, sagte sie.
„Es muffelt hier drin ...“, fügte ich hinzu.
Sie seufzte.
„Gut, ich lass‘ die Tasche ein Stück auf“, sprach sie dann. „Aber jetzt sei ruhig. Ich rette nämlich gerade dein Leben.“
„Mein was?“, rief ich. Doch da war sie auch schon anderweitig abgelenkt ...
„He, du da!“, hörte ich sie sagen. „Hast du Karel gesehen? ... Ja? ... Ach, wo? ... Das darf doch nicht wahr sein ... Danke ...“
Und schon ging das Geschüttel wieder los.
Ich weiß nicht, wie lange es so weiterging. Das Geholper und Gestolper raubte mir jede Orientierung für Zeit und Raum. Mal hielt sie an, blaffte jemanden unfreundlich an, bekam eine verschreckte Antwort – und rannte wieder los.
Wo zum Kuckuck war ich hier?!
Draußen schien es vor Menschen nur so zu wimmeln – zumindest wenn man dem Stimmengewirr glauben durfte. Ich begann trotz der äußeren und sehr hinderlichen Umstände darüber nachzudenken, wie groß dieses Zimmer wohl sein mochte. War dies überhaupt ein Zimmer? War ich vielleicht schon irgendwo in der großen, weiten Welt, in welcher die Geschichten von Old Lady immer spielten?
Das Gerüttel stoppte erneut. Aber Lafenne gab keinen Ton von sich. Sie bewegte sich immer noch fort. Das bemerkte ich durch ein leichtes Schaukeln. Dann knarrte etwas bedrohlich, hölzern, klagend und unmittelbar neben mir, bis es mit einem lauten WRUMPS! beendet wurde.
Jemand anderes sagte etwas, doch ich verstand nichts. Lafenne ging vermutlich auf ihn zu, denn als er – ein Menschenmann – auf ihre barsche, aber überraschend leise Frage „Wo ist Karel?“ antwortete, verstand ich ihn.
„Was denn, hat eure Mutter dich geschickt, um ihn abzuholen?“ Er klang amüsiert.
„Schick ihn her, dann gehen wir“, sagte Lafenne kurz angebunden. Das Mistrauen war ihr deutlich anzumerken. Wo waren wir?
Der Menschenmann lachte leise, sagte dann aber, „Ich seh' nach, ob ich ihn finden kann.“
Ich hörte seine Schritte, der Boden war hier anders – irgendwie hohl und knarzend. Und ich hörte, wie er sich entfernte.
„Wo sind wir?!“, rief ich flüsternd zu Lafenne hinauf.
„An einem sehr dubiosen Ort“, sprach diese halblaut. Sie bekam dabei kaum die Zähne auseinander.
„Du-bri-jo-sen?“, plapperte ich lang gedehnt.
„Das bedeutet zweifelhaft“, knurrte sie.
„Hä? – Oh, ich meine: Wie bitte?“
„Wir sind in einer Burschenschaft. An einem Ort, an dem kleine Katzen eigentlich nichts verloren haben. Doch Karel meinte ja, sich unbedingt mit diesen Menschen anfreunden zu müssen.“
Ich hörte zu, überlegte ...
„Sind das andere Menschen?“, fragte ich.
„Zumindest behaupten sie das“, sagte Lafenne, „Aber ich glaube nicht, dass da etwas Wahres dran ist.“
„Oh ...“, überlegte ich erneut. „Aber wenn dies kein Ort für Katzen ist, warum bin ich dann hier?“
„Weil ich dafür Sorge tragen kann, dass dich hier niemand anderes herbringt. Und weil ich dich, wenn wir Karel haben, wieder mit nach Hause nehme.“
„Nach Hause ...“, murmelte ich. „Zu Old Lady?“

„Wem? – Ach so“, sprach sie, „Ähm, nein ... Nein. Du wohnst doch jetzt bei Karel.“

Erstmals veröffentlicht am 9. September 2014,

geschrieben von Platti Lorenz, illustriert von Mie Dettmann

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