· 

Tyrrin Hexenkater: Band 2. Lektion 30

Die Kontorstadt

Nun, manchmal ist es gesünder, wenn unser Hexenkater Tyrrin einen gewissen Abstand einhält, illustriert von Mie Dettmann, geschrieben von Platti Lorenz
Tyrrin Hexenkater: Die Kontorstadt

„Dir ist bewusst, dass ich mit Komm mich mal besuchen nicht ...“ Die beleibte Frau Menschenfrau vollführte mit der einen Hand eine in der Luft umhertastende Geste. „Nun, ich meinte ganz gewiss nicht das hier, was immer das hier ist. – Aber jetzt kommt erst einmal in die Stube und lasst das Ding hier bloß im Innenhof. In den Nachbargeschäften fängt man zu leicht an zu reden, wenn unsereiner zu früh mit dem Geschäft beginnt oder wenn es den Eindruck erweckt, dass unsereiner zu früh damit begänne. Denn – meine Lieben – genau das machen wir hier im Augenblick ...“

Ja, ich hatte meine Entscheidung getroffen, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen. Heute war der mit Abstand eigenartigste Tag, den mir meine Mitmenschen und ihre mehr oder weniger anverwandten Wesensformen bisher beschert hatten.
Nach all dem, was mit Karel, Joscha und Lafenne vor und in diesem Magazin sowie mit Wen-N und Ob-Gleich in dieser geheimnisvollen Kiste geschehen war, hatte letztendlich auch Riva ihren Beitrag zu meiner wachsenden Verunsicherung geleistet. Gewissermaßen stolz auf ihre vollbrachte Leistung und sichtlich erleichtert hatte sie nämlich den Tisch mit der Vorhangkiste aus den Zwängen der hölzernen Bodenbelegung befreit. Das Möbelstück selbst war allerdings der unumstößlich festen Überzeugung gewesen, dass es mit dieser ominösen, neuen Freiheit nun so wirklich nicht das Gergingste zu schaffen haben wollte. Stattdessen hatte es sich glatt dazu entschlossen, sich nach Leibeskräften zu weigern. Dies hatte mir zumindest der Anblick vermittelt, den mir wenig später Riva, Joscha und Karel geboten hatten, als sie den Tisch aus seinen angestammten Vertiefungen im Boden und aus dem Zimmer gezerrt hatten.

Ich war diesem Treiben gefolgt beziehungsweise hatte – alles sorgsam beobachtend – in sicherem Abstand gewartet, wenn die drei Menschen hatten für einen Augenblick verschnaufen oder den unhandlichen Tisch durch eine Tür bugsieren müssen.

Sobald sie nach dem Flur und dem Büchermagazin jedoch die Treppe erreicht hatten ... Ohne Frage war es schon unterhaltsam gewesen, wie sie sich bemüht hatten, das unwillige Mobiliar die steinernen Stufen hinauf zu schieben – von tragen konnte selbst bei bestem Willen nämlich keine Rede sein. Trotzdem war ich aufmerksam darum bemüht gewesen, den erwähnten Sicherheitsabstand um ein wohl kalkuliertes Maß zu erweitern. Ein sehr weiser Entschluss wie sich sogleich herausgestellt hatte. Denn kaum dass sie sich hinter die erste Biegung des Treppeverlaufs gequält hatten, hatte der Tisch auch schon beschlossen, dumpf polternd und über den schockiert ächzenden Karel hinweg seinen Rückweg anzutreten. Nun ja, jedenfalls bis er sich irgendwo zwischen der Biegung, der Wand, den Stufen und meinem Mitbewohner verkeilt hatte.

Nichtsdestotrotz hatten die drei es schließlich dann doch irgendwie die Treppe hinauf und sogar ins Freie geschafft, wo Riva allerdings sogleich eine Diskussion mit den beiden Menschenmännern vom Zaun gebrochen hatte. Ganz offenbar war ihr der unauffällige graue Anzug, den sie an ihrem Körper trug, für das gemeinsame Vorhaben nicht angemessen erschienen, sodass letztendlich Karel zur Erhaltung des allgemeinen Seelenfriedens seine Jacke an die blasse Menschenfrau ausgehändigt hatte. Damit auch Joscha nicht zu kurz kam, hatte dieser sich spontan dazu berufen gefühlt, in unserer kleinen Prozession die Rolle des Anführers zu übernehmen und uns durch das nächtlich verdunkelte Terrain, das ich schon von meinem kürzlichen Ausflug in die Burschenschaft kannte, und dann durch eine mir völlig fremde Gegend zu geleiten.

Da es noch sehr früh am Tage gewesen war und das Licht selbst bis jetzt gemächlich auf sich warten ließ, war von unserem Umfeld nicht sehr viel zu sehen gewesen. Die kleinen und großen Häuser hatten sich in fades Grau gemischt, welches nur stellenweise von den hohen umsehenden Lichtern, die Joscha mir gegenüber als Laternen kenntlich gemacht hatte, durch ein gelbes flackerndes Scheinen unterbrochen worden war.

Ob der jungen Tageszeit hatte es mich nicht gewundert, dass abgesehen von meiner Begleiterin und meinen zwei Begleitern kein einziger Mensch weit und breit zusehen gewesen war.

Nicht ganz unängstlich war ich ihnen und dem Möbelstück hinterhergetappt, hatte die Umgebung jedoch keine Sekunde außer Acht gelassen. Das Material unter meinen Pfoten hatte sich ungewohnt solide angefühlt und wie für größere Belastungen gemacht. Mal war es rau und leicht porös gewesen, wie eine Platte aus grobem Stein. Mal glatt und hart, als habe man sich hier ganz besondere Mühe geben wollen. Mal hatte der Weg aber auch nur aus sehr grobem, körnigem Material bestanden, das unter den Schritten der Menschen leise geknirscht und gelegentlich sogar geplatscht hatte, weil sich hier und dort kleine und größere Lachen von Wasser angesammelt hatten.

Doch nicht nur der Untergrund hatte mir zudenken gegeben. Gleichermaßen war mir aufgefallen, dass sich mit der Zeit auch die Häuser, die den Weg flankierten, in ihrer Gestalt verändert hatten. Ihre Türen waren breiter und manchmal gar so groß gewesen, dass sie die ganze Front eines kleinen Hauses einnahmen oder sich, wenn es sich um ein höheres Gebäude gehandelte hatte, im Untergeschoss über dessen gesamte Breite ausdehnten.

Auch die Gerüche dieser Gegend waren andere gewesen. Zwar hatte es nicht unbedingt weniger nach Mensch gerochen, aber mit dieser Note hatten sich noch zahllose weitere Nuancen gemischt, die mir teils fremd und teils vertraut erschienen waren. Hier hatte ich den Geruch von Holz erkannt, obwohl auch dieser irgendwie ganz anders anmutete. Dort hatte ich diesen ölig metallischen Dunst gewittert, den ich bereits bei dem Barstadl-Mann und gleichermaßen in diesem lauten dunklen Schacht bei den Büchern wahrgenommen hatte. Irgendwo war zweifellos sogar eine Spur von Leberwurst an mir vorbei geflattert. Diese hatte sich allerdings derart rasch verflüchtigt, dass mir nur die anderen zahlreichen teils würzigen, teils herben, teils bitteren und teils nahezu unbeschreiblich fremden Aromen in der Nase verblieben waren. Und ja, da hatte noch etwas in der Luft gelegen. Ein mir bisher unbekannter Duft aus einer eigenartigen Mischung von Regen, Erde und etwas Lebendigem.
Beinah wäre ich Karel zwischen die Beine gelaufen, so sehr hatten mich all diesen Sinneseindrücke überwältigt. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass die drei wieder einmal stehen geblieben waren.  Trotzdem war mir rasch gewahr geworden, dass sich diesmal etwas auf eine andere Weise zugetragen hatte, denn Joscha hatte bereits an einer dieser überbreiten Türen Position bezogen und mit dem Klopfen angefangen ...

„Ja, nun geht schon einmal durch“, wies die rundliche Menschenfrau uns bestimmt aber mit Nachdruck an.

Karel, Riva und Joscha hievten den Tisch in eine unauffällige Ecke des kleinen Innenhofs und gingen dann durch eine andere und kleinere Tür als diejenige, durch welche wir gekommen waren, in das Haus hinein. Ich folgte ihnen, sobald ich bemerkte, dass ich völlig alleine auf dem Hof zurück zu bleiben drohte.

Zu meinem Glück hielt mir die Frau in dem bodenlangen dunkelblauen Gewand die Tür auf, wobei mir nicht entging, dass sie mich eingehend betrachtete. Das wiederum machte mich stutzig und ich zögerte an der Türschwelle – abwägend, ob ich dieses Haus einfach so und gänzlich unbedarft betreten sollte. Die Menschenfrau machte auf mich zwar alles andere als einen bedrohlichen Eindruck. Dennoch wusste ich mittlerweile viel zu gut, dass dies nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte. Eine Tasche hatte sie jedenfalls erst einmal nicht bei sich. Des Weiteren entdeckte ich, dass sie nicht einmal Schuhe trug, denn unter ihrer weiten Robe lugten eindeutig ihre nackten Zehen hervor.

„Du bist der Hexenkater Tyrrin, habe ich recht?“

Ich blickte von ihren Füßen zu dem Gesicht der Menschendame auf.

„Mein Name ist Tyrrin“, sagte ich überrascht und wegen dieser unvorhergesehenen Änderung meines üblichen Vorgehens merklich übertölpelt.

„Das ist ein sehr interessanter Name, weißt du?“, erwiderte sie – und erwischte mich noch einmal auf der falsche Pfote. Also entschloss ich mich, sie vorerst nur mit großen Augen anzusehen und abzuwarten, was passierte.

Mein Name ist Ammelle Lichtersteg und es freut mich sehr dich kennen zu lernen ...“

„Das ist aber ein – interessanter Name“, fiel ich ihr beinah ins Wort, ohne die Bedeutung ihres restlichen Satzes in irgendeiner Weise zu berücksichtigen. Ich war viel zu froh, endlich doch noch den Faden eines gewöhnlichen Gesprächs gefunden zu haben. Für mich stand zweifelsohne fest, dass ich, so lange sich diese Gelegenheit mir bot, daran festzuhalten gedachte.

„Möchtest du nicht reinkommen?“ Die Menschenfrau sprach langsam und geduldig. „Draußen ist es recht frisch und es wäre doch schade, wenn du dich verkühlst.“

„Verkühlen?“, fragte ich vorsichtig, da ich mir unter diesem Wort nicht recht etwas vorzustellen vermochte.

„Es ist alles gut, Tyrrin“, hörte ich plötzlich Joscha sagen. Er stand ein Stück weiter hinter der Menschendame im Korridor und machte den Eindruck, sogleich durch eine Tür, die seitlich von dem langgezogenen Zimmer abging, verschwinden zu wollen.

„Wo sind wir hier?“, wollte ich jedoch erst wissen, wobei ich mich um deutlich mehr Selbstbewusstsein in meiner Stimme bemühte. Immerhin sprach ich nun unter anderem auch mit meinem Assistenten.

„Du befindest dich hier ihn meinem Mobiliar-Kontor“, erläutere Ammelle seelenruhig. „Wir sind hier mitten in der Kontorstadt von Redberg. So nennt sich der Warenumschlagplatz dieser Handelsstadt, der sich auf beiden Seiten der Rede – das ist der Fluss, der durch Redberg fließt – erstreckt. Hier werden alle möglichen Dinge und Waren gehandelt, die man in Redberg oder auch in aller Welt gebrauchen kann.“

In aller Welt ... , dachte ich und zog umgehend meine Schlüsse.

„Weißt du, wo Old Lady ist?“, rief ich, ohne mein übliches Zeichen des Verstehens von mir gegeben zu haben.

Doch die Menschenfrau störte sich anscheinend nicht daran und seufzte mitfühlend.

„Joscha hat mir schon erzählt, dass du nach ihr suchst. – Aber ich kann dir darüber ebenfalls nichts Genaues sagen.“

Ich senkte den Kopf.

Sie seufzte noch einmal.

„Weißt du, man muss vorausblicken, Tyrrin.“ Ammelle hob ihre Hand und damit ihren ausgestreckten Zeigefinger. „Wer weiß schon, wen oder was man zufällig entdeckt?“

Mit gemischten Gefühlen erwiderte ich ihren Blick, aber sie ließ sich keinesfalls in ihrer Zuversicht beirren.

„Wohlan, und jetzt ins Haus mit dir, mein kleiner Kater. Ich will unbedingt mehr darüber wissen, was dich, deine drei Begleiter und dieses eigenwillige Ding von einem Möbelstück in meinen Kontor treibt.“

Erstmals veröffentlicht am 28. August 2017,

geschrieben von Platti Lorenz, illustriert von Mie Dettmann

Schon gewusst? Diese Blog-Geschichte kannst du auch als Buch & eBook lesen! ^o^

Tippe einfach auf die Buch-Cover und erfahre mehr über die Bücher und wo und wie du diese kaufen kannst. ^^

Dieses Hutmenschenkomplott (Tyrrin Hexenkater Band 1) von Platti Lorenz, illustriert von Mie Dettmann
Dieses Hutmenschenkomplott (Tyrrin Hexenkater Buch 1)
Die Spaltlichtpost (Tyrrin Hexenkater Band 2) von Platti Lorenz, illustriert von Mie Dettmann
Die Spaltlichtpost (Tyrrin Hexenkater Buch 2)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0