Tyrrin Hexenkater: Band 3. Lektion 2

Glück gemacht

Tyrrin Hexenkater beginnt die große Reise, illustriert von Mie Dettmann, geschrieben von Platti Lorenz
Tyrrin Hexenkater: Glück gemacht

„Tyrrin, Tyrrin, Tryrrin, Tyrrin, Tyrrin!“, wisperte ein kleiner frecher Wind höchst hartnäckig in mein Ohr hinein. Ich hatte zudem den Eindruck, das er emsig daran zog und zerrte. Zumindest konnte das der Grund für dieses andauernde Jucken sein. „Tyrriiiiin! Tyrriiiiin! Tyrriiiiin! ...“

 

Dabei schwebte ich doch gerade so schön auf einer angenehm schunkelnden und wohlig weichen Woge der Müdigkeit dahin. Ein Leben auf dem Wasser hatte durchaus etwas für sich, wenn man Wert auf einen gewissen Schlafkomfort legte.

 

„Tyrrin, Tyrrin. – Tyrrin, Tyrrin. ...“

 

Lediglich dieser kleine fiese Luftzug ging mir langsam aber sicher auf den Keks. Und irgendwie eigenartig oder viel mehr neu war mir auch, dass sich diese heute recht um Eile bemühte Woge in die Kurve legte.

 

„Tyrrin, Tyrrin, Tyrrin, so wach doch nun endlich auf!“

 

Ich wälzte mich - dem mein Ohr so emsig traktierenden Luftzug entgegenwirkend – auf den Rücken. Der Windzug krächzte nur ein halb ersticktes „Tyrrin“.

 

Doch genau dann geschah es, dass ich mit der nächsten Woge prompt wieder zurück auf meinen Bauch kullerte. Begünstigt wurde dies nur noch dadurch, dass ich offenbar in so etwas wie einer großzügigen Polsterkuhle lag. Eine Kuhle, die mich ringsum mit einem blumig gemusterten Stoff umgab. Stoff, hinter dem mir etwas Hartes Widerstand leistete, als ich eine meiner Pfoten stützend in das dicke Material hineindrückte. Ich war gar nicht mehr in Guntruds Kombüse.

 

„Tyrrin!“, pfiff es wieder leise in mein Ohr. Es jagte mir einen kalten Schauer über den Nacken, worauf ich mich einmal von der Nase bis zur Schwanzspitze komplett durchschüttelte. „Du hast geschlafen“, pfiffelte es weiter, „Und sie, und sie, und sie ...“

 

„Wo bin ich hier?“, murrte ich müde und sah mich ungnädig in jene Richtung um, aus der ich dieses aufgeregte Tuscheln hörte.

 

„Sie war es, Tyrrin! Sie war es!“ Wen-N tänzelte aufgeregt vor mir herum. Es schimmerte in einem beinahe durchscheinenden Gelborange. Gewöhnlich änderte es nur selten seine Farbe, die eigentlich in einer schlichten Farblosigkeit bestand. Etwas musste das Spaltlicht also gehörig aufgewühlt haben. „Du bist weggenickt, eingeschlafen, weggeträumt. Und sie, und sie, und sie, sie hat dich, sie hat dich ... Ich glaube man nennt das eingepackt.“

 

„Eingepackt?“, wiederholte ich. „Du meinst doch nicht Guntrud?“

 

„Oh, oh, doch, doch“, zischelte Wen-N, „Und, und, und, und jetzt! Jetzt ist sie mit uns unterwegs. Hörst du?“

 

Ich hob meinen Blick nach oben, wo waagerecht über mir eine Art Himmel aus dem mich überall umgebenden Blumenmusterstoff prangte.

 

„Hörst du?“, beharrte Wen-N, „Unterwegs ist sie mit uns!“

 

„Unterwegs“, brummte ich, noch immer merklich benommen von meinem Schlaf.

 

„Ja, ja, ja, wenn ich es dir doch sage!“, zeterte Wen-N aufgebracht. „Was macht man, wenn so etwas passiert? Suchen wir uns eine Maserung und verschwinden schleunigst? Oder warten wir in einem dunklen Spalt bis alles vorüber ist?“

 

Verständnislos sah ich Wen-N an.

 

„Oh“, begriff das Spaltlicht, „Ich vergaß, dass du dafür zu solide bist.“

 

Vernahm ich von ihm da etwa eine Art mitleidigen Unterton in seinem Stimmchen?

 

Doch anstelle genau da einmal nachzuhaken, kam mir ein Gedanke in den Sinn. Guntrud hatte es doch zu mir gesagt.

 

„Wir sind gar nicht unterwegs“, begriff ich.

 

„Sind wir nicht?“ Wen-Ns gelborange Farbgebung bekam einen zarten Grünstich, den das Wesen gelegentlich zeigte, wenn es mit etwas unerwartetem konfrontiert wurde.

 

„Wir bringen ihr Glück“, stellte ich richtig. „Das war es doch, was sie sich gewünscht hatte. Und im Gegenzug bekommen wir von ihr ab sofort jeden Tag eine ganze Leberwurst. Mindestens.“

 

„Oh“, verstand nun auch endlich Wen-N. „So ist das also. – Aber hätte sie nicht auch warten können, bis du aufwachst anstatt uns hier drin ... einzupacken?“

 

Ich überlegte einen Moment, schüttelte mich und gähnte.

 

„Vielleicht hatte sie eilig?“, mutmaßte ich und erinnerte mich zeitgleich an Lafenne, Karels Schwester, und an meinen gemeinsamen Ausflug mit ihr. „Wenigstens müssen wir nicht Fahrradfahren.“

 

„Herrje“, keuchte Wen-N, „Das stelle ich mir in der Tat sehr schlimm vor.“

 

„Und wie es das ist“, bestätigte ich mit einem bedeutungsschweren Kopfnicken.

 

Ich bemerkte gerade, wie mich dieses zielstrebige Schunkeln trotz meiner anfänglichen Überraschung inzwischen doch wieder schläfrig machte. Aber dann kam es ins Stocken und – begleitet von einem jähen Ruck – letztendlich auch zum Stehen.

 

Ich bemühte mich bei wachem Verstand zu bleiben. Irgendwie fiel mir das hier und jetzt erstaunlich schwer. Es war, als läge ein sanfter Nebel in meinem Kopf.

 

„Hörst du, Tyrrin?“, zischelte Wen-N. „Sie spricht zu jemandem.“

 

Ich horchte auf. Und ja, es war nicht einmal leise, doch es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich vernahm gut hörbar Guntruds Stimme. Und ich vernahm die Stimme eines Menschenmannes. Sie hatte einen eigentümlichen Rhythmus, bald als sei der Mensch es nicht gewohnt in dieser Art zu sprechen.

 

„Was dich führt an diesen Ort, Frau werte?“ Der Ton in seiner Redeweise war zuvorkommend freundlich. „Das hier nicht ein Platz ist für Dame aus deinem Land.“

 

Der Mann klang gleichermaßen amüsiert wie neugierig. Ich hatte auf einmal den Eindruck, dass ein schwerer Geruch in der Luft lag. Er erinnerte mich an das Innenleben von Lafennes Tasche. Karels Schwester hatte es nämlich tatsächlich fertig gebracht, mich darin zu entführen. Diese Duftnote hier lag allerdings noch um einiges schwerer in der Luft. Vielleicht lag es daran, dass sie versuchte, etwas anderes mit aller Mühe zu überdecken. Denn tief unter diesem duftigen Gewicht der Schwere nahm ich noch etwas süßliches wahr.

 

„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen“, sprach Guntrud. Sie zögerte einen Augenblick. „Zudem wäre ich Ihnen dankbar, wenn sie sich etwas überstreifen – wenigstens ... nun, Sie wissen schon ...“

 

Der Mann lachte hell und ich hörte ein Rascheln, so wie jenes Geräusch, das ich schon oft vernommen hatte, während Karel sich – wie er es nannte – vor und nach dem Schlafengehen umkleidete.

 

„Anstand! Anstand!“, rief er fröhlich, „Wo wir nur wären ohne ihn. Zivilisation etwas Feines ist.“ Der Mann hielt einen aufmerkenden Moment inne. „Du mich machen neugierig, Frau werte. Welches Angebot du mir willst unterbreiten. Du musst gehabt haben reichlich Glück, um mich zu treffen hier.“

 

„Glück?“, horchte ich auf. Das war mein Stichwort. Guntrud hatte mich mitgenommen, damit ich ihr Glück brachte. Ja, und in der Tat, auch wenn ich keine Ahnung hatte wie, erfüllte ich meinen Teil der Abmachung nach aller bester Güte. Das allerdings war nun beileibe kein Grund, alles Weitere dem Zufall zu überlassen. Nein, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, wenn es um Leberwurst ging, war ich stets die Pflichterfüllung in Person.

 

„Das war ich!“, rief ich lauthals und ehe Guntrud dem Mann etwas erwidern konnte. „Das war ich! Ich habe dieses Glück gemacht.“

 

„Tyrrin!“, zischte Wen-N, welches an meiner Stelle diesen so wichtigen Einsatz wohl mehr als nur verschlafen hätte. Obendrein verkannte es ganz offensichtlich auch noch die Bedeutung unserer Lage. „Tyrrin, Tyrrin, Tyrrin, ...“, quietschte es weiter. Hastig zerrte es an meinem rechten Ohr, während ich mit meinen Krallen an diesem Blumenmusterstoff über mir herumzupfte und mich schließlich dazu entschied, mit dem Kopf durch diese Decke zu gehen. Eine Decke, die sich kurzerhand als festsitzender Deckel entpuppte. Ausgesprochen unsanft stieß geradewegs dagegen.

 

„Das war ich“, rief ich noch einmal, nun deutlich aufgeregter – und zugegebenermaßen unbegeistert von dem Deckel. Ich ging wieder zu dem Zupfen über. „Ich habe das Glück gemacht. – Und jetzt will ich raus hier!“

 

Ich merkte, wie mich, Wen-N und diesen Korb samt Blumenmusterstoff ein Ruck durchfuhr, so als ob wir geschoben wurden – über eine Fläche.

 

Ich gebe zu, das irritierte mich. Doch in diese betretene Stille hinein fragte die offenbar noch betretenere Stimme des eben noch so äußerst wohlgesonnenen Menschenmannes.

 

„Kann ich gefahrlos öffnen es?“

 

„Nur zu.“ Das war Guntruds Stimme, in welcher nun eine mir bei ihr bis her nicht bekannte Tonlage mitschwang. Sie klang so ruhig, so zufrieden, so erleichtert – und zudem so siegesgewiss und mit sich selbst auf eine Weise im Reinen, bei der mir plötzlich unbehaglich zumute wurde.

 

Noch ein sanfter Ruck durchfuhr den Korb, Wen-N, mich und das Blumenmuster. Ein entzurrendes Geräusch, als ob jemand etwas aus Stoff oder dergleichen aufeinander rieb oder – wie in diesem Fall – löste.

 

Das Blumenmuster, dessen stoffliche Grundlage auf oder viel mehr unter dem Deckel angebracht war, klappte nach oben. Eine stickig heiße, nasse Luft randvoll mit schwerem, süßem Duft schlug mir entgegen und betäubte – obwohl es ja nur ein Geruch war – sofort alle meine Sinne. Etwas brannte in meinen Augen und die Luft schien viel zu schwer zum Atmen. Sie war sogar derart schwer, dass ich meinte, sie in meinen Ohren drücken zu hören. Mein Pelz war in Sekunden schwer und klamm, was es Wen-N nicht gerade erleichterte, eben dort hinein in meine Maserung zu schlüpfen. Ich bemerkte den kühlen sanften Streif, den es durch seine Anwesenheit auf meiner Haut unter meinem Fell verursachte. Es bewegte sich nur schwerlich fort.

 

„Eine Katze“, hörte ich den Menschen leise keuchen, „Eine Katze, die kann sprechen.“

 

„Er ist die Luft hier nicht gewohnt“, sagte Guntrud, „Aber außerhalb dieser ... Räume ... wenn die Luft etwas trockener ist, wird er sich als sehr fideles Wesen erweisen. – Das heißt, natürlich nur, wenn Sie mir helfen, mein karges Polster für meinen schlichten Ruhestand in angemessener Weise aufzubessern. – Das Leben auf einem Frachtkahn ist nichts mehr für eine Frau in meinen Jahren.“

 

Ich bemühte mich, die Augen aufzumachen, aufzuschauen, aber ich sah nur, wie der Mann ... Ein paar Jahre älter als Joscha und Karel, klar im Blick und mit, wenn ich recht sah, erdig grüner Haut. – Er nickte.

 

Sein Blick, sein klarer wacher Blick aus dunkelgelben Augen fiel für einen winzigen Moment herab auf mich. Verstehend, begreifend, kombinierend. Dann sah ich nur noch, wie sich über mir wieder der Deckel mit dem Blumenmusterstoffbezug herabsenkte.

 

„Wie viel du möchtest haben?“

geschrieben von Platti Lorenz, illustriert von Mie Dettmann

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