Tyrrin Hexenkater: Band 3. Lektion 3

Glück gemacht

Tyrrin Hexenkater denkt über einen Drachen nach, illustriert von Mie Dettmann, geschrieben von Platti Lorenz
Tyrrin Hexenkater: Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tschuff.

Ein leises monotones Brummen. Wie ein rascher Pulsschlag. Ein sanftes Vibrieren. Danach ein sanfter Ruck in eine Richtung, die danach kein Ende nahm.

 

Und dann begann es.

 

Tuktuk. Jedes Mal begleitet von einem sanften Schunkeln.

 

Tuktuk. Nicht laut. Aber laut genug, um es hin und wieder wahrzunehmen. Doch leise und regelmäßig genug, um es schon bei dem nächsten flüchtigen Gedanken zu vergessen.

 

Tuktuk.

 

Tuktuk.

 

Wenn ich nun genauer darüber nachdenke, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, so barg diese Geräuschfolge etwas einlullend Einschläferndes in sich. Etwas Beruhigendes.

 

Dumm war, dass ich weder für etwas Einlullendes, noch für etwas Einschläferndes, geschweige denn für etwas Beruhigendes just in diesem Augenblick das geringste bisschen übrig hatte. Denn jetzt, jawohl jetzt, nach einer endlosen Zeit der Benommenheit, des willkürlichen Schwindelgefühls und des immer wieder Wegnickens war ich nämlich wach. Oh, ja, so wirklich wach – sogar ohne dieses Kopfweh, dass mich nach dem Erwachen aus dem Wegnicken stetig gepiesackt hatte.

 

Ich war also wach, bestens erholt und willens, dies meinem Umfeld möglichst unmissverständlich mitzuteilen. Dieses Umfeld bestand derzeit aus Wen-N, einem intensiv beblümten Musterstoff und dem Inneren des von Außen fest verschlossenen Korbes. Alle drei zeigten sich von meinem frisch entdeckten Enthusiasmus jedoch wenig begeistert. Besonders Wen-N war ungewohnt schweigsam geworden. Dabei hatte es doch in den vergangenen Stunden immer wieder Sachen erzählt, die ... ja, die eben so Sachen waren ... Mal war etwas verkauft worden. Mal war etwas verladen worden. Mal war etwas verstaut worden. Aber kein weiteres Wort von Guntrud, Glück oder Leberwurst, weshalb ich diesen anderen Sachen nur höchst spärliche Beachtung zukommen ließ.

 

Tuktuk.

 

Tuktuk.

 

„Sag mal, du musst das doch auch hören!“, redete ich auf das Spaltlicht ein, das sich irgendwo in meinen Pelz zurückgezogen hatte. Aber nein, ich bemühte mich, das Gefühl, ein Selbstgespräch zu führen, nicht länger als nötig in Erwägung zu ziehen. „Wen-N, sag, Wen-N, hörst du das nicht? Wen-N? Wen-N?“

 

Das Spaltlichtlicht gab – nachdem ich diese Worte ein Paar mal wiederholt an es gerichtet hatte – einen kleinen Laut von sich, der einem Seufzen gleichkam.

 

„Doch, Tyrrin, ich höre es.“ Es seufzte noch einmal. „Nur dich höre ich viel mehr. – Ich mag dieses Geräusch. Es macht ruhig, als würde es eine Geschichte von einer langen, langen Reise erzählen.“

 

Ich guckte verständnislos irgendwo hin und stellte mir vor, wie Wen-N meine Miene sehen konnte. „Das ist doch keine Geschichte. – Es passiert nicht einmal was.“

 

„Ich sagte ja“, erwiderte Wen-N in seinem zarten Flüsterton. „Es ist eine beruhigende Geschichte.“

 

Ich blieb bei meinem Gesichtsausdruck.

 

„Warum warten wir nicht ab, was passiert, Tyrrin?“, schlug Wen-N leise vor. „So wie wir es bisher auch schon gemacht haben.“

 

„Wir haben was?“ Allmählich kam mir der Gedanke, das Spaltlicht vielleicht doch eine Weile ruhen zu lassen. Das, was es äußerte, schien mit zunehmender Dauer des Gesprächs ganz eindeutig an Sinn, Bedeutung und Zusammenhang zu verlieren.

 

„Ob dieses Schnaufen gesund ist?“, wechselte Wen-N das Thema. „Ich habe es hin und wieder bei der Post gehört. Ich frage mich, welches arme Wesen so etwas wohl von sich gibt.“

 

Tatsächlich hatte ich erst mit dem Gedanken gespielt, etwas Zurechtrückendes auf Wen-Ns Kopfgespinste zu erwidern, doch dann spitzte ich vorsorglich noch einmal die Ohren ... In der Tat. Ich vernahm fern, draußen, aber auch irgendwo in unserer Nähe ein gleichförmig ächzendes Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tschuff.

 

Das Geräusch hatte etwas Fauchendes, Kraftvolles, nahezu Unbändiges an sich. Auch etwas, das mich an Feuer und große Hitze erinnerte ...

 

„Oh ja, ich weiß, was das ist!“, rief ich von meinem Scharfsinn und Glück zugleich erstaunt und über alle maßen begeistert. „Keine Frage! Das muss ein Drache sein!“

 

„Ein, ein ... wirklich?“ Das Spaltlicht war unter meiner erfreuten Lautstärke abrupt zusammengezuckt. Das verriet mir ein kleiner frischer Luftstoß, der mir in meinen Nacken zwickte. Dann jedoch hatte Wen-N sich von seinem Ruhefleck in meinem Pelz hervorgewagt.

 

„Ja, ja, doch, doch!“, beharrte ich, „Was könnte das sonst sein?“

 

In diesem Moment klappte etwas auf.

 

Es wurde laut. Lauter. Das Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tschuff. aber auch das Tuktuk.

 

Genauso rasch, nur mit einem einrastenden Krachen endend, war es aber auch vorbei – oder viel mehr, es war leiser.

 

Das Einzige, was in dieser Geräuschkulisse als Veränderung erhalten blieb, war das unregelmäßige Stapfen menschlicher Schritte.

 

„Hörst du, Tyrrin?“, zischelte Wen-N. „Der Drache ist jetzt hier!“

 

„Nein, nein, das ist kein Drache“, flüsterte ich zurück und stellte diesen Sachverhalt umgehend richtig, „Das muss ein Mensch sein. Ein echter Drache wäre nämlich viel, viel größer und noch viiiel, viel lauter.“

 

„Ah, so ist das also.“ Wen-N klang erleichtert. „Ich dachte schon, dass mir das von irgendwoher bekannt vorkommt.“

 

Ich weiß nicht, wie genau ich darauf kam. Aber ich hatte auf einmal das Gefühl, als würden wir von außen – wie ich fand – verängstigt angestarrt. Ja, zögernd, wenn nicht gar taxierend angestarrt.

 

„Was will der Mensch hier?“, tuschelte Wen-N, das diese Veränderung unseres Umfelds offenbar auch bemerkt hatte.

 

„Ich weiß es nicht“, sprach ich leise, worauf sich mein Gefühl des Zögerlichangestarrtwerdens nur noch intensivierte. Ich duckte mich, bereit zu allem, was mich erwartete. Wen-N schlüpfte in das Streifenmuster meines Fells zurück.

 

Ruhe. Nur das Tuktuk. und Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tschuff. erklangen in ihrer stetigen Weise.

 

Irrte ich mich oder vernahm ich ein entschlossen nach Luft schnappendes Geräusch? Zeit, um darüber nachzudenken bekam ich nicht.

 

Wie ein verrückt gewordener Plüschspielball schleuderte es mich von meinen Pfoten nach oben, zur Seite, zur anderen Seite, kreuz und quer durcheinander, nach unten – oder wo auch immer das gerade war!

 

Ohren betäubender Lärm gellte mir plötzlich und viel, viel lauter als vorhin um meine Ohren!!!

 

Tuktuk. Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tuktuk. Tschuff. Tschuff. ...

 

Das Schleudern aber ebbte weder ab noch wurde es langsamer.

 

Etwas Krachte wieder. Ruhe kehrte ein. Ich flog ein letztes Mal. Und dann bewegte sich nichts mehr.

 

„Was soll dieser Unfug?“, rief ich erbost und alles andere als Herr meiner eigenen Sinne.

 

Doch das Einzige, was mir erwidert wurde, war ein unverständliches Wimmern – außerdem hatte ich den Eindruck, dass noch jemand anders dankend nickte – und das erneute Lautwerden des Tuktuk. und Tschuff. Tschuff. Tschuff. Tschuff. sowie das wiederholte finale Krachen einer – so kombinierte ich inzwischen – Tür, die sich nicht weit von mir entfernt befinden konnte.

 

„Was soll dieser Unfug?“, erneuerte ich meine Empörung. Diese durch eine nicht minder empörte Befindlichkeitsäußerung zu ergänzen, gelang mir allerdings nicht.

 

Jemand lachte.

 

Ein Mensch. Ein mir bekanntes Lachen. Ein Lachen, dass ich bisher nur einmal gehört hatte.

 

Ich war nicht ganz sicher, ob ich mich freuen sollte, als sich der mit blumigem Stoff bespannte Deckel des Korbes öffnete. Doch die nass erdrückende Luft und der noch schwerere süße Geruch blieben aus. Nur ein bisschen dieser Duftnote schwang noch in der Luft mit, die mir weniger verbraucht und eigentlich kaum wahrnehmbar entgegen flaute.

 

„Schönen Tag, mein Gast kleiner.“ Der Mann mit der erdig grünen Haut und den wachen dunkelgelben Augen sah mich freudestrahlend an.

 

Ich für meinen Teil sah mit großen Ungutes ahnenden Augen zurück und rückte langsam und unauffällig mit meinem Hinterteil in den von diesem Menschen weiter entfernten Bereich des Korbs zurück.

 

Er lachte wieder hell, aber nicht schrill. Viel mehr erfreut, wenn nicht gar begeistert.

 

„Du keine Angst brauchst haben, Kater klein“, sagte er derart beschwingt, wie ich es nie zuvor bei einem Menschen erlebt hatte. „Es dir wird gehen bei mir sehr gut. Essen viel. Spielzeug viel. Freude viel. Du sein begeistert wirst.“

 

Moment mal ...

 

Ich hielt umgehend mit meiner Unsicherheit inne. Denn offenbar waren hier die Tatsachen mehr als einfach nur formvollendet worden.

 

„Ich glaube, wir wohnen jetzt hier“, zischelte Wen-N mir vorsichtig ins Ohr. „Dann macht das auch Sinn, worüber Guntrud und der Mensch geredet haben!“

 

„Wie?“, bemerkte ich und neigte meinen Kopf in Wen-Ns Richtung, als wollte ich es dadurch besser in Augenschein nehmen. Jedoch war Wen-N nicht dort, sondern gut versteckt in meinem Pelz verborgen. „Ich wohne ganz bestimmt nicht hier!“ Meine Stimme wurde lauter. „Ich will wieder zu Anek, weil der weiß, wo Old Baskest ist, weil der weiß, wo Old Lady ist. Ich muss doch unbedingt Old Lady finden. Oh, und Guntrud! Guntrud muss ich auch noch Glück bringen, ich kriege nämlich von ihr Leberwurst. Mindestens eine jeden Tag, hörst du?“

 

„Ja, Tyrrin, das weiß ich doch“, bemühte sich Wen-N, mich zu beschwichtigen. Doch dann klang seine kleine Flüsterstimme auf einmal selbst ein bisschen irritiert. „Tyrrin, schau doch mal.“

 

„Wohin?“, fasste ich mich kurz.

 

„Der Mann! Der Mann ...“, pfiffelte Wen-N.

 

Ich sah nach oben.

 

Der Menschenmann sah aus, als hätte er etwas gesehen, dass nicht mit rechten Dingen zuging. Daher beschloss ich, ihn umgehend aus diesem Zustand zu befreien und das mit den Tatsachen, die ohne mein Einverständnis getroffen worden waren, gefälligst aus der Welt zu schaffen.

 

„Ich wohne ganz bestimmt nicht hier“, konstatierte ich.

 

„Nein“, sagte der eben noch so beschwingte Menschenmann jetzt erstaunlich scheu und – ich meine sogar – ehrfürchtig.

 

„Ich muss nämlich zu einem Old Basket“, erzählte ich unbeirrt.

 

„Ja“, erwiderte der Mann einem Keuchen gleich.

 

„Denn ich muss unbedingt Old Lady finden“, fuhr ich fort, „Kein Mensch weiß, wo sie zu finden ist. Aber dieser Old Basket, ja, der weiß das ganz bestimmt. Das hat Anek nämlich gesagt.“

 

„Ja“, wiederholte der Menschenmann.

 

Mir fiel auf, das ich alles gesagt hatte, was ich für nötig hielt. Aus diesem Grund schaute ich den Menschen mit dem unmissverständlichen Hinweis in meinen Augen an, dass es nun an ihm war, das Richtige zu tun.

 

Es dauerte eine gewisse Weile, bis er überhaupt etwas tat. Allerdings handelte es sich dabei nicht um das Richtige. Er machte nur den Mund auf – seine Augen waren plötzlich wieder so eigenartig frisch und klar – und er redete.

 

„Ich weiß, wie ich dir kann helfen, Kater klein.“ Wieder sprach er überaus beschwingt, jedoch war in dieser Beschwingtheit ... Da war noch so eine spezielle ... Ich weiß nicht ...

 

„Du musst suchen nicht mehr nach Old Lady deine“, sagte er. „Ich, du, wir machen, dass sie wird finden dich. Sie kommen wird zu dir.“

geschrieben von Platti Lorenz, illustriert von Mie Dettmann

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